Regelbasiertes Management von CBAM-Zertifikaten: Compliance sichern, Kosten steuern

Im CBAM-Übergangszeitraum bis 2025 standen vor allem Berichterstattung und Emissionsdaten im Fokus. Mit Beginn der Regelphase ab 2026 ging es vermehrt um CBAM-Kosten und Preisrisiken. 2027 ist die erste CBAM-Erklärung fällig und die Transaktionen von CBAM-Zertifikaten starten.

Im vorigen Beitrag haben wir die regulatorischen Anforderungen rund um CBAM-Zertifikate betrachtet. Dabei ging es um jährliche Abgabepflichten, quartalsweise Sicherheitsanforderungen, unterschiedliche Zertifikatsjahrgänge, begrenzte Lebensdauern und die Preisbildung von CBAM-Zertifikaten. Ab 2027 besteht die Herausforderung nicht nur darin, ausreichend CBAM-Zertifikate zu beschaffen.  Unternehmen müssen vielmehr entscheiden, wann sie Zertifikate kaufen, wie sie Preisrisiken steuern, welche Liquidität sie vorhalten und wie sie regulatorische Anforderungen zuverlässig erfüllen.

Genau hier setzen regelbasierte Managementstrategien für CBAM-Zertifikate an. Sie schaffen einen systematischen Rahmen, um CBAM-Zertifikate effizient zu beschaffen, Kostenrisiken zu kontrollieren und Compliance-Anforderungen jederzeit einzuhalten.

Die Grundidee einer regelbasierten Managementstrategie

Eine regelbasierte Managementstrategie definiert im Voraus, unter welchen Umständen CBAM-Zertifikate oder Absicherungsinstrumente gekauft, gehalten, eingereicht oder zurückgegeben werden. Zeitpunkt und Volumen der Transaktionen ergeben sich dabei aus zuvor festgelegten Regeln.

Diese Regeln berücksichtigen beispielsweise laufende Importe, neue Emissionsdaten aus der Lieferkette, verfügbare Zertifikatsbestände, regulatorische Anforderungen sowie aktuelle und historische CBAM-Preise. Statt Einzelentscheidungen ad hoc zu treffen, folgt das Management von CBAM-Zertifikaten einem klaren Regelwerk. Vereinfacht gesagt entsteht ein Wenn-Dann-Algorithmus, der für jede Situation eine geeignete Handlung ableitet.

Eine solche Strategie basiert auf drei zentralen Bausteinen:

  1. den regulatorischen Anforderungen des CBAM,
  2. den Anforderungen des Importeurs,
  3. den unternehmensspezifischen Rahmenbedingungen.

Die regulatorischen Anforderungen bestimmen, wann welche Mengen welcher Zertifikatsjahrgänge vorgehalten oder abgegeben werden müssen. Diese Voraussetzungen sind für alle Importeure identisch. Die eigentliche Gestaltungsfreiheit entsteht durch die beiden anderen Bausteine.

Die Anforderungen des Importeurs: Was soll die Strategie erreichen?

Die definierten Ziele einer regelbasierten Managementstrategie für CBAM-Zertifikate sind vom importierenden Unternehmen abhängig und können vielfältig sein. Deshalb sollte vor der Entwicklung einer Managementstrategie zunächst definiert werden, welche Anforderungen erfüllt werden sollen.

Compliance wird für nahezu alle Unternehmen die höchste Priorität besitzen. Darüber hinaus können jedoch weitere Ziele relevant sein, beispielsweise die Minimierung von CBAM-Kosten, Reduzierung von Preisrisiken, die Schonung der Liquidität, die Minimierung administrativer Aufwände, die Begrenzung der Anzahl von Transaktionen, die Erhöhung der Kostentransparenz gegenüber Kunden, oder die Integration in bestehende Treasury- oder Risikomanagementprozesse.

Die Gewichtung dieser Anforderungen hängt häufig von der Unternehmensgröße, dem Geschäftsmodell und der Position des Unternehmens in der Wertschöpfungskette ab. Entsprechend unterschiedlich fallen die Anforderungen an eine Managementstrategie aus.

Beispielsweise weisen Importeure von Vorprodukten häufig eine deutlich höhere relative finanzielle CBAM-Exponierung auf als Importeure stärker verarbeiteter Produkte am Ende von Wertschöpfungsketten. Für Erstgenannte steht eine Reduzierung der erwarteten CBAM-Kosten daher häufig stärker im Vordergrund. Importeure, die umfangreiche eigene Lagerbestände verwalten, gewichten Kostenabsicherung höher als Unternehmen, die beispielsweise im Kundenauftrag importieren.

Wichtig ist, dass diese Anforderungen nicht isoliert festgelegt werden. Einkauf, Zoll, Finanzabteilung, Nachhaltigkeitsmanagement und Rechtsabteilung sollten gemeinsam bewerten, welche Ziele verfolgt werden und welche Risiken akzeptabel sind. Nur so lassen sich Zielkonflikte frühzeitig erkennen und praktikable Prozesse etablieren.

Die Stellschrauben einer regelbasierten Managementstrategie

Während die Anforderungen des Importeurs definieren, was erreicht werden soll, beschreiben die unternehmensspezifischen Rahmenbedingungen, wie diese Ziele erreicht werden können. Hierzu stehen verschiedene Stellschrauben zur Verfügung.

Berücksichtigung der CBAM-Preisdynamik

Die Preise von CBAM-Zertifikaten folgen den volatilen Preisen für CO2-Zertifikate im Europäischen Emissionshandel. Damit entstehen Preisschwankungen, die sich direkt auf die Kosten eines Importeurs auswirken. Eine rein compliance-orientierte Strategie könnte diese Preisdynamik vollständig ignorieren und Zertifikate erst dann beschaffen, wenn dies regulatorisch erforderlich wird. Unternehmen mit höherer finanzieller CBAM-Betroffenheit werden dagegen häufig versuchen, Preisbewegungen aktiv zu berücksichtigen.

Die Bandbreite möglicher Ansätze reicht von der vollständigen Ignorierung von Preisbewegungen über eine Integration von CBAM-spezifischen Preisindikatoren, technischer Chartanalyse, bis zur Verwendung mittel- bis langfristiger Prognosen. Welche Herangehensweise sinnvoll ist, hängt vom Risikoprofil, den verfügbaren Ressourcen und den definierten Unternehmenszielen ab.

Einsatz von Absicherungsinstrumenten

Eine weitere Stellschraube ist die Kostenabsicherung (Hedging). Ziel einer Absicherung ist es, zukünftige Beschaffungspreise für CBAM-Zertifikate bereits heute zu fixieren. Dadurch lassen sich Kostenschwankungen reduzieren und Kosten frühzeitig gegenüber Kunden oder internen Budgetverantwortlichen kommunizieren.

Auch bei der Kostenabsicherung existiert eine Bandbreite möglicher Ansätze. Kurzfristig können bereits erworbene CBAM-Zertifikate selbst als Absicherungsinstrument eingesetzt werden. Mittelfristig können Terminkontrakte auf EU-Emissionszertifikate genutzt werden. Da die Preise von CBAM-Zertifikaten den Preisen von EU-Emissionszertifikaten folgen, eignen sich letztere grundsätzlich zur Absicherung künftiger CBAM-Kosten.

Langfristig können auch physische und unbegrenzt lange gültige EU-Emissionszertifikate Teil einer Absicherungsstrategie sein. Technisch lassen sich auf diese Weise bereits heute zukünftige Preisrisiken über viele Jahre hinweg absichern. Ob dies sinnvoll ist, hängt wiederum von den Anforderungen und Rahmenbedingungen des jeweiligen Unternehmens ab.

Weitere Stellschrauben

Die Liste möglicher Stellschrauben ist umfangreich. Weitere relevante Parameter betreffen die administrative Kapazität eines Importeurs. Dazu gehören beispielsweise die Berücksichtigung zusätzlicher Marktindikatoren oder die Umsetzung von Transaktionen in festgelegten Intervallen. Andere Parameter betreffen die finanzielle Kapazität eines Unternehmens, etwa die Möglichkeit, Liquidität frühzeitig bereitzustellen oder bereits hochpreisig beschaffte Zertifikate gegen aktuell günstigere Zertifikate auszutauschen. Weitere Stellschrauben ergeben sich aus dem individuellen Risikoprofil, beispielsweise durch einen bewussten Überkauf von CBAM-Zertifikaten zur Reduzierung bestimmter Risiken.

Die Justierung dieser Stellschrauben ist von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Entscheidend ist, dass die gewählte Ausgestaltung zum Unternehmen passt und die zuvor definierten Anforderungen tatsächlich unterstützt. Auch die beste Managementstrategie kann Preisrisiken nicht vollständig eliminieren. Sie kann jedoch dabei helfen, Risiken systematisch zu steuern und Entscheidungen nachvollziehbar und konsistent zu treffen.

Fallbeispiel: Drei einfache Strategien im Vergleich

Zur Veranschaulichung betrachten wir ein vereinfachtes Fallbeispiel. Angenommen, CBAM wäre bereits 2024 vollständig in Kraft gewesen und ein Unternehmen hätte jeden Monat Waren importiert, die jeweils 500 CBAM-Zertifikaten entsprechen. Die Preise für CBAM-Zertifikate basieren dabei auf den historischen Preisen des EU-Emissionshandelssystems. Auf dieser Grundlage werden drei unterschiedliche regelbasierte Managementstrategien betrachtet:

  • Regulierungsbasiert: CBAM-Zertifikate werden erst dann erworben, wenn dies regulatorisch zwingend erforderlich ist.
  • Importbasiert: CBAM-Zertifikate werden unmittelbar zum Zeitpunkt der Einfuhr beschafft.
  • SMART importbasiert: Die Beschaffung erfolgt grundsätzlich importbasiert, berücksichtigt jedoch zusätzlich spezifische Preisindikatoren.

Alle drei Ansätze sind regelbasiert. Entscheidungen erfolgen also nicht situationsabhängig oder nach Ermessen einzelner Personen, sondern auf Basis zuvor definierter Regeln, basierend auf historischen Daten und Echtzeitdaten. Die folgende Grafik visualisiert die unterschiedlichen Beschaffungsmuster.

Die Tabelle fasst ausgewählte Ergebnisse der drei Strategien zusammen. Die Ergebnisse zeigen, dass zwischen Kosten, Liquiditätsbindung, Kostensicherheit und operativem Aufwand Zielkonflikte bestehen können, die jede Managementstrategie unterschiedlich adressiert.

STRATEGIE KOSTEN LIQUIDITÄT SICHERHEIT TRANSAKTIONEN
Regulierungsbasiert €414.479 (100 %) Liquiditätsschonend Geringe Kostensicherheit 5/Jahr
Importbasiert €388.831 (93.1 %)
Liquiditätsintensiv Frühe Kostensicherheit 12/Jahr
SMART Importbasiert €370.297 (88.7 %)
Variable und teilweise schwer prognostizierbare Liquiditätsanforderungen Relativ frühe Kostensicherheit ~10/Jahr

Fazit

Mit dem Übergang von CBAM zu einer finanziell wirksamen Regulierung wird das Management von CBAM-Zertifikaten zu einer eigenständigen Managementaufgabe. Die Frage lautet nicht mehr nur, wie viele Zertifikate benötigt werden, sondern auch, wann sie gekauft, gehalten, eingereicht und zurückgegeben werden sollten und welche Risiken dabei akzeptabel sind.

Regelbasierte Managementstrategien bieten einen strukturierten Ansatz, um regulatorische Anforderungen, Preisrisiken, Liquiditätsanforderungen und interne Prozesse miteinander in Einklang zu bringen. Der erste Schritt besteht dabei nicht in der Auswahl einer konkreten Strategie, sondern in der Definition der eigenen Ziele und Rahmenbedingungen.

Die Fallstudie zeigt, dass unterschiedliche Strategien zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen führen können, obwohl dieselben regulatorischen Pflichten erfüllt werden. Deshalb sollte die Entwicklung einer Managementstrategie stets mit einem strukturierten Stakeholder-Dialog beginnen. Einkauf, Zoll, Finanzen, Nachhaltigkeit und Rechtsabteilung müssen gemeinsam definieren, welche Anforderungen die Strategie erfüllen soll und welche Kompromisse akzeptabel sind. Erst auf dieser Grundlage lässt sich ein Regelwerk entwickeln, das nicht nur Compliance sicherstellt, sondern auch einen wirtschaftlichen Mehrwert schafft.